Künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung halten rasant Einzug in die Personalvermittlung. Was früher wie Science-Fiction klang, etwa Chatbots, die Bewerbungsgespräche führen, ist heute in vielen Rekrutierungsprozessen bereits Realität[1][2]. Große Tech-Investitionen befeuern diesen Trend: Start-ups wie Mercor oder Jack & Jill haben jüngst große Millionenbeträge erhalten, um KI-basierte „AI Recruiter“ zu entwickeln[3][4]. Personalvermittler stehen somit vor der Frage, wie sich ihr Rollenprofil in diesem KI-Zeitalter wandelt. Wird der Mensch als Recruiter überflüssig, oder wichtiger denn je? Dieser Fachartikel beleuchtet den Status quo von KI im Recruiting, die Erwartungen von Kandidaten und Kunden und zeigt auf, warum die menschliche Komponente zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal wird.
KI-Recruiting bereits in vielen HR-Abteilungen im Einsatz
Zunächst ein Blick auf die aktuelle Verbreitung: KI ist im Recruiting keine Zukunftsvision mehr, sondern vielerorts gelebte Praxis. Laut dem Talent Trends Report 2025 der SHRM gaben 51% der Unternehmen an, KI-Technologien in ihrem Recruiting-Prozess einzusetzen[5]. Ähnlich zeigte eine weltweite Randstad-Studie (2024), dass bereits über ein Viertel der Firmen irgendeine Form von KI im Recruiting nutzen[6]. In Deutschland schätzt eine Umfrage den Anteil der Arbeitgeber mit KI-Erfahrung im Recruiting sogar auf über 40%[6]. KI-Tools kommen dabei vor allem bei zeitaufwendigen Routineaufgaben zum Einsatz: So nutzen schon heute 82 % der Unternehmen KI für die Lebenslauf-Sichtung, 40% setzen Chatbots für die Kommunikation mit Bewerbern ein, und rund 23 % lassen KI sogar Vorstellungsgespräche durchführen[1], Tendenz steigend. Bis Ende 2025 rechnen 68% der Firmen fest mit KI-gestützter Talentakquise[7].
Diese Zahlen verdeutlichen: Personalabteilungen experimentieren längst mit „AI Recruitern“. Die Ziele sind eindeutig: höhere Effizienz und Geschwindigkeit. Gerade vor dem Hintergrund knapp werdender Fachkräfte und vieler Bewerbungen versprechen KI-Systeme eine Entlastung. Sie können innerhalb von Sekunden Kandidatenprofile auswerten, passende Talente aus großen Datenpools filtern und unmittelbar ansprechen. Dadurch verkürzt sich die Time-to-Hire erheblich. In einer Fallstudie des Anbieters Paradox sank beispielsweise die durchschnittliche Antwortzeit an Kandidaten von 7 Tagen auf unter 24 Stunden nachdem man einen KI-Chatbot für die Bewerberkommunikation einsetzte[8]. Auch Automatisierung zahlt direkt auf den Output ein. Recruiter in Unternehmen mit hohem Automatisierungsgrad besetzen im Schnitt 64% mehr Stellen und präsentieren 33% mehr Kandidaten pro Vermittler als ihre weniger digitalisierten Kollegen[9]. Kurzum, KI und Automatisierung sind dabei, das Fundament des Recruiting-Geschäfts mitzugestalten.
KI-Recruiter auf dem Vormarsch: Beispiele Mercor und Jack & Jill
Die Dynamik spiegelt sich auch in der Start-up-Szene wider. Gleich zwei sogenannte AI-Recruiter-Plattformen sorgen derzeit für Aufsehen: Mercor aus den USA und Jack & Jill aus Großbritannien. Beide versprechen, mit KI weite Teile der Personalvermittlung vollständig zu automatisieren und wurden beträchtlich mit Venture Capital finanziert.
Mercor, 2023 von drei 21-jährigen Thiel Fellows gegründet, hat kürzlich 100 Mio. USD in einer Series-B-Runde eingesammelt und wird inzwischen mit 2 Mrd. USD bewertet[3]. Die Plattform wirbt damit, den gesamten Recruiting-Funnel für Freelancer zu streamlinen: KI filtert Lebensläufe und führt automatisierte Interviews, während der Algorithmus passende Kandidaten für offene Stellen vorschlägt[10]. Arbeitgeber laden nur noch ihre Stellenbeschreibung hoch, und Mercors System identifiziert daraufhin die vielversprechendsten Talente. Sogar die Vorab-Interviews laufen über eine KI. Bewerber durchlaufen ein 20-minütiges automatisiertes Gespräch, das ihre Fähigkeiten evaluiert und ein Profil erstellt[11]. Tech-Größen wie OpenAI nutzen Mercor bereits, und das Start-up behauptet, mittels KI bessere Kandidaten zu finden als menschliche Recruiter[12]. Auch das Thema Bias will Mercor angehen, indem die KI-Auswahl angeblich objektiver sei (wenngleich Studien zeigen, dass KI nicht automatisch frei von Vorurteilen ist[13]).
Jack & Jill wiederum setzt auf Conversational AI, also dialogfähige Chatbots, um die Jobsuche neu zu erfinden. Das Unternehmen erhielt im Oktober 2025 eine Seed-Finanzierung von 20 Mio. USD (u. a. vom VC-Investor Creandum)[4]. Ihr Ansatz: Der virtuelle Assistent „Jack“ übernimmt für Kandidaten die aktive Jobsuche. Bewerber führen einen ca. 20-minütigen Chat mit Jack, der ihre Karriereziele, Erfahrungen und Wünsche erfragt und daraus ein detailliertes Bewerberprofil erstellt[14]. Anschließend durchsucht Jack ständig tausende Stellenanzeigen und schickt dem Kandidaten eine kuratierte Auswahl passender Jobs. Sogar Mock-Interviews oder Karriere-Coaching kann Jack per Chat anbieten. Die Arbeitgeber-Seite heißt „Jill“: Hier erstellt die KI aus Unternehmensangaben ein Stellenprofil, gleicht Anforderungen mit vorhandenen Kandidaten ab und priorisiert jene Bewerber, die am besten passen[14]. Im Erfolgsfall stellt Jack & Jill den Kontakt her. Das Geschäftsmodell ähnelt also einer digitalen Personalvermittlung auf Provisionsbasis. Matt Wilson, der Gründer, sieht Chatbots als skalierbare Alternative zum klassischen Bewerbungsprozess mit Stellenanzeigen und CV-Flut[15]. Tatsächlich sind KI-gestützte Erstgespräche international schon verbreitet. In China nutzen große Konzerne seit einigen Jahren automatisierte Interviews für lokale Einstellungen[16]. Jack & Jill will diesen Trend nutzen, um sowohl Jobsuchenden als auch Unternehmen ein effizienteres Vermittlungserlebnis zu bieten.
Die Beispiele Mercor und Jack & Jill zeigen: KI-Recruiter sind keine Zukunftsmusik, sondern bereits operativ – und Investoren wetten darauf, dass sie Teile des Vermittlungsgeschäfts revolutionieren. Für traditionelle Personalvermittler bedeutet das einerseits Konkurrenz, andererseits aber auch ein Weckruf, die eigenen Prozesse zu modernisieren und KI selbst strategisch einzubinden.
Was Kandidaten und Kunden erwarten: Geschwindigkeit ja, aber mit persönlicher Betreuung
Wie stehen eigentlich die Kandidaten und Kunden zu KI im Recruiting? Akzeptieren Bewerber es,...